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Warum bleibe ich in der Kirche?

Überlegungen zu den jüngsten Vorfällen
– von Domkapitular i. R. Johannes Maria Dörr

Die Frage der Überschrift ist der Titel eines vor rund 40 Jahren erschienen Buches … Dreißig namhafte Persönlichkeiten des kirchlichen, hauptsächlich aber des öffentlichen Lebens antworteten auf diese Frage. Unter ihnen finden sich Namen wie Ida Friederike Görres, Hubert Halbfass, Hans Küng, Luise Rinser, Dorothee Sölle, Heinz Oskar Vetter. Sie gehör(t)en der katholischen oder evangelischen Kirche an. Das Buch (Manz Verlag) war seinerzeit auch eine Reaktion auf die sogenannte „68er Kulturrevolution“, dem studentischen Aufstand jener Jahre, der mit dem „Alten“ gründlich aufräumen und eine neue „Ordnung“ schaffen wollte. Auch die katholische Kirche wurde damals heftig attackiert.

In unseren Tagen gibt es erneut Grund, die eingangs aufgeworfene Frage zu stellen. Die Welle von „Missbrauchsfällen“, die in katholischen wie auch in nichtkatholischen, kirchlichen Einrichtungen, beziehungsweise – öffentlichen und privaten in großer Zahl zu beklagen sind, warfen dunkle Schatten auf die Kirche. Das Gegenteil von dem, was sie schon als „abscheuliche Verbrechen“ geißelte, in Predigt und Lehre aufs schärfste verurteilte, hat sich in schockierender Weise in ihren eigenen Mauern zugetragen. Bereits der Apostel Paulus hat „Knabenschänder“ sogar davon ausgeschlossen, „das Reich Gottes zu erben“ (1. Korintherbrief 6,10). Die Kirche wurde einmal mehr in der Öffentlichkeit „vorgeführt“ und von Medien heftigst kritisiert. Sie hat gelitten, Schaden genommen, enorm an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Kann man ihr noch trauen, auf sie bauen?, haben viele gefragt. Sogar eine „tendenzielle“ Austrittsbewegung wurde von manchen Medien bereits gesichtet, die glücklicherweise jedoch nicht in dem erwarteten Maß eintrat.

Ich stelle hier eine andere Frage: Warum bleibe ich dennoch in der Kirche? Was hält mich in ihr, was an oder in ihr ist mir wichtig? Lebenswichtig? Antworten möchte ich mit den Worten des 1988 leider früh verstorbenen, damaligen Bischofs von Rottenburg-Stuttgart, Georg Moser, mit dem ich einige Zeit in Tübingen studierte. Unter der Überschrift „Ich liebe die Kirche“ schreibt er unter anderem: „Ich liebe die Kirche, weil sie uns durch das Evangelium beschenkt. Dieses gibt uns mehr als tausend Informationen. Die Kirche bezeugt das Wort, von dem wir leben, auf das wir bauen können. Sie vertreibt keine selbst gebastelte Heilslehre. Sie verkündet das unumstößliche Ja-Wort Gottes zu uns Menschen, sie verkündet, dass wir angenommen sind durch den Vater.“

„Ich liebe diese Kirche, weil sie uns die sichtbaren Zeichen der durch Christus gewährten Erlösung spendet, die Sakramente, …. Hier dürfen wir Gottes Liebe leibhaftig in uns aufnehmen. Ich liebe diese Kirche, weil sie uns zur Heimat wird, indem sie uns schützt vor Unbehaustheit und Verlorenheit. Sie gibt uns Trost und Orientierung. Hier erfahren wir wahre Geborgenheit und unauslöschliche Freude. Ich liebe diese Kirche, weil sie uns von Christus her den bleibenden Sinn unserer Existenz aufweist. Das ist ihre hohe und vordringliche Aufgabe … Ich liebe diese Kirche, weil sie im Namen des gekreuzigten und auferstandenen Herrn todüberwindende Hoffnung vermittelt.“

„Ich liebe diese Kirche also nicht, weil sie von sich selbst her so attraktiv und makellos wäre – ich liebe sie, weil sie das Wesentliche verwahrt und weitergibt, nämlich die Liebe, die Vergebung und Verheißung unseres Herrn“.

Aus demselben Grund liebe auch ich die Kirche. Und weil ich sie so liebe, wie Bischof Moser es beschreibt, bleibe ich in ihr. Sie gibt mir, wie der Titel des Buches von Bischof Moser es besagt, „Täglich Grund zur Hoffnung“ – trotz allem.

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