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War das Kreuz Jesu Gottes Wille?
Antwort auf eine schwierige Frage
– Vom Domkapitular i.R. Johannes Maria Dörr

„Dein Wille geschehe“, so beten wir im „Vater unser“. Was aber ist der Wille Gottes? Wie schwer es ist, diese Frage zu beantworten, merken wir, wenn wir den Satz umkehren und sagen: Nicht alles, was geschieht, ist auch der Wille Gottes.

Als Religionslehrer am Edith-Stein-Gymnasium in Speyer musste ich einmal erleben, dass eine Abiturientin wenige Tage vor ihrer Prüfung tödlich verunglückte. Sie geriet mit ihrem VW-Käfer auf eisglatter Straße plötzlich ins Schleudern, prallte gegen einen Baum und war tot. In der Abiturklasse des nächsten Jahres kamen wir auf diesen Unfall zu sprechen. Ich fragte die Mädchen: „War das der Wille Gottes, was meinen Sie?“ Ohne lange zu überlegen gaben sie mir zur Antwort: „Ja, was denn sonst?!“ Betont gelassen konterte ich: „Glatteis, sagte die Polizei“. Sie waren wütend.

Und was war es nun? Eindeutig Glatteis. Aber die jungen Menschen hatten dies erst begriffen, als ich es ihnen an einem Beispiel klarmachen konnte: „Stellen Sie sich vor, ein betrunkener Autofahrer würde Sie überfahren und zum Krüppel machen. Ich ginge zu Ihren Eltern und würde ihnen sagen: „Lassen Sie bitte die Polizei aus dem Spiel, das war der Wille Gottes’. Ihre Eltern würden mich hochkant aus der Wohnung werfen, und mit Recht“. Dies leuchtete ein.

Genauso wenig dürfen wir in einer Krankheit, die uns trifft, oder sonst irgendeinem Leid oder Unglück sagen: „Es ist der Wille Gottes, also nehmen wir es an, er wird schon wissen warum.“ Ein Gott der Liebe, der „liebe Gott“, wie wir gerne sagen, schickt uns solches Ungemach? Zum Zeichen seiner Liebe oder wie? Das klingt ja schon fast blasphemisch. Nein! Gott schickt uns nicht Unglück und Not. Aber, was tut er? Im Falle der Abiturientin erklärte ich den Mädchen: Gott ist es, der aus diesem Unglück, diesem Unheil des Todes auf glatter Straße für dieses arme Mädchen noch Heil schaffen, noch Segen machen kann. Etwa so, wie der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt …“ (8,28). Niemand außer ihm, ist dazu imstande. Es auch zu vollbringen, dies entspricht dann auch seinem Willen.

Ähnlich müssen wir das Kreuz Jesu und seinen bitteren Tod an ihm verstehen. Das Kreuz war nicht „Gottes Wille“. Im Gegenteil! Gott hat dieses Kreuz nicht gewollt. Was ergäbe dies für ein schreckliches Gottesbild, wenn es so gewesen wäre! Das Kreuz haben jene gewollt, die vor Pilatus geschrieen haben: „Ans Kreuz mit ihm“ und gleich darauf noch lauter: „Kreuzige ihn!“.

Aber Gott war es, der das Holz des Todes durch die Auferweckung Jesu von den Toten zum „Baum des Lebens“ wandelte. Aber, hatte Jesus nicht am Ölberg gebetet“ „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“? War danach der Tod Jesu am Kreuz nicht doch der Wille Gottes? Was hat Gott gewollt? Er wollte unser Heil, das heißt, uns Anteil geben an seinem göttlichen Leben und so Sünde und Tod von uns nehmen. Der Weg, den Jesu nach diesen Willen des himmlischen Vaters gegangen ist, führte aufgrund des Widerstandes und Hasses seiner Gegner letztendlich zum Kreuz. Weil Gott das Kreuz nicht gewaltsam verhindert, sondern es im Hinblick auf das ihm hervorgehende neue Leben für uns Menschen hat geschehen lassen, können wir sagen, es war auch, indirekt gewissermaßen, sein Wille. Gott hat es unter diesem Blickwinkel nicht ausgeschlossen. Und im totalen Vertrauen darauf, dass Gott das Böse zum Guten wenden kann, für ihn, Jesus selbst, wie für uns, hat sich Jesus ihm mit ganzer Hingabe überlassen, ganz so, wie er später am Kreuz gebetet hat: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben“. In diesem Sinne hat er als „Wille Gottes“ für sich angenommen, was Menschen ihm antaten, als sie ihn kreuzigten.

Der eigentliche Sinn der Vater-unser-Bitte „dein Wille geschehe“ erschließt sich uns letztendlich, wenn wir das Gebet des Herrn bei den Evangelisten Lukas und Matthäus miteinander vergleich. Bei Lukas steht nur: „Dein Reich komme“ (11,2). Dieser Bitte fügt Matthäus eine zweite hinzu. Sie soll erklären, was die erste meint. Diese Bitte lautet: „Dein Wille geschehe“ (6,9). Gemeint ist: Wir selbst sollen den Willen Gottes tun, dann geschieht er. Wir sollten ihn tun, wie wir ihn aus der Botschaft Jesu, dem Evangelium erkennen. Auf diese Weise „kommt das Reich Gottes“ in die Welt. Es ist überall dort, wo Menschen Gottes und Jesu Gebote befolgen. „Wie im Himmel so auf Erden“, soll es werden, endet die Bitte bei Matthäus und deutet der Evangelist so auf das Ziel des Heilswerkes Gottes hin, „in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist“ (Epheserbrief 1,10).

War das Kreuz Jesu Gottes Wille?, haben wir eingangs gefragt. Antwort: Eindeutig nein! Gottes Wille war unser Heil, unser Leben. Aber durch die äußeren Umstände im Leben Jesu führt der Weg zu unserem Heil über Jesu Kreuz. Dass es Jesus in diesem Sinne als „Gottes Wille“ angenommen hat, dies hat uns gerettet.

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