Kriminell...
Gedanken zum Aschermittwoch 1995 an der Oberstufe des Edith-Stein-Gymnasiums in Speyer
Seit ich von ihrem furchtbaren Unglück gelesen haben, geht sie mir nicht mehr aus dem Sinn, die junge Französin Barbara Samson. Sie war seinerzeit 19 Jahre alt und hatte schon ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel: „On ne’est pas sérieux quand on a 17 ans“. Auf Deutsch könnte man das so übersetzen: „Mit 17 ist man nicht erwachsen“. Das Buch ist ein Schlager geworden. „Ergreifend, erschütternd“, kommentiert die französische Bildzeitung „France Soir“. Dem Buch folgte ein ebenso dramatischer Auftritt Barbaras über sämtliche französische Fernsehkanäle gleichzeitig.
Was war passiert? Wegen Magersucht kam Barbara in ein Erholungsheim zur näheren Beobachtung. Dort trifft sie auf Antony, 28 Jahre alt, drogenabhängig. Liebe auf den ersten Blick! Damals war Barbara 17. Antony lässt nicht los, dichtet Verse auf sie, bedrängt sie, schläft mit ihr und – infiziert sie mit AIDS, woran er seit zwei Jahren erkrankt ist. Er hatte es Barbara verschwiegen. Als ihr der Arzt sagte, sie sei angesteckt, war es zu spät. „Wer kann schon verstehen, dass ich ihn trotzdem noch liebte?“, fragt sie. „Ich verstehe mich ja selber nicht. Jetzt kann ich nur noch als abschreckendes Beispiel herhalten.“ „Aber, gegen einen solchen Reinfall kann man sich doch schützen“, werden vielleicht manche dagegenhalten. Dazu Barbara: „Hätte man mir das vorher gesagt, hätte ich doch das Gegenteil gemacht. Jetzt hoffe ich einfach, dass sie sich an mich erinnern, an meinen Namen, an mein Gesicht.“ Gemeint sind Schüler und Schülerinnen von Gymnasien, die sie regelmäßig trifft, um sie über AIDS aufzuklären.
Der Aschermittwoch erinnert uns an etwas anderes. Wir hören es, wenn uns bei der Auflegung der geweihten Asche gesagt wird: „Bedenke, Mensch, du bist Staub und zum Staub kehrst du zurück“. Barbara war jung, sehr jung, und trotz ihrer Magersucht lebensfroh, voller Träume und Pläne, geliebt zu werden, glücklich zu werden – und holte sich den Tod, auf Zeitplan sozusagen. Ob es ihr geholfen hätte, wenn ihr einer gesagt hätte: „Barbara, bedenkt es, du bist Staub und wirst wieder zu Staub, mehr ist nicht drin!“? Es hätte nichts genutzt. Dieser Spruch ist kein Präservativ und keine Zauberformel. Was ist er dann? Er ist eine klare Herausforderung, sein Leben in die Hand zu nehmen. Das aber ist nicht Sache eines Augenblicks; das fängt früh an und braucht viel Zeit und Kraft. Der Tod ist unausweichlich und er kann sehr schnell kommen, ganz gleich ob verschuldet oder unverschuldet. Und dann bist du nichts mehr als ein Häufchen Asche, ganz gewöhnlicher Staub. Diese Wahrheit ist unerbittlich. Aber es ist nur ihre eine Hälfte. Die andere Hälfte ist eine weitere Herausforderung. Sie liegt in dem anderen Wort, das bei der Auflegung der Asche wahlweise auch gesprochen werden kann.
Dieses Wort wiederholt den Appell Jesu bei seinem ersten öffentlichen Auftreten und lautet: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Das Evangelium sagt: Asche ja, aber sie muss nicht das Ende sein. Wer sich an Jesus und sein Wort hält, wird zwar Asche, aber nach der Asche ein ganz neuer Mensch. Er wird endlich das, wonach er sich immer sehnt in seinem unstillbaren Verlangen nach Glück, Liebe, Freude, Erfüllung.
Nicht ohne Grund vergleicht Jesus dieses neue Leben, das er uns in seiner Auferstehung an Ostern erworben hat, gerne mit einer Hochzeit, dem Hochfest der Liebe zwischen zwei Menschen.
Das wär’s eigentlich schon, was ich heute Morgen zu sagen hätte. Höchstens noch das eine, nämlich, was Jesus unter Liebe versteht. Er sagt ja ganz deutlich und klar, wir sollten lieben. Liebe wird bei ihm ganz groß geschrieben. Nur fügt er noch hinzu: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ Und er erklärt einmal auch ganz genau, was damit meint. Er sagt: „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Genau das hat dieser Anthony nicht gemacht. Was er gemacht hat, nennt man Sex, Liebe war es nicht. Und Barbara wurde sein Opfer. „Kriminell“, urteilte das Pariser Boulevardblatt „France Soir“. Domkapitular i.R. Johannes Maria Dörr
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