Heilung der Taubstummen - heute
Pfarrer Max Falschlunger
zu den Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis
L 1: Jes 35,4–7a
L 2: Jak 2,1–5
Ev: Mk 7,31–37
Ein Mann, inzwischen 75 Jahre alt, musste als Kind mit ansehen, wie seine jüdische Mutter von einem SS-Mann abgeschleppt wurde, während seinem Vater mit den Stiefeln eines anderen in das Gesicht getreten wurde. Nach diesem Erlebnis konnte der Bub nicht mehr hören und sprechen. Ärzte konnten nichts ausrichten.
Jahre später verliebte sich eine junge Frau in den abgekapselten jungen Mann. Er fasste allmählich Vertrauen zu ihr und das Wunder geschah: Er fand wieder die Sprache und das Gehör. Die echte Zuneigung der Frau hat ihn aus der Erstarrung gelöst und für das Leben geöffnet. Für ihn galt das Wort: „Effata! Öffne dich!“
Der Taubstumme des Evangeliums ist ein Symbol dieser Situation für nicht wenige Menschen. Es gibt nicht wenige Menschen, die ihre Ohren und ihren Mund verschließen, weil sie niemanden haben, der ihnen wirklich zuhört, wenn sie etwas Wesentliches - für ihr Leben Wichtiges - sagen möchten.
Sie verschließen ihre Ohren, ihren Mund, um sich vor dem Lärm des leeren Geredes zu schützen. Sie sind durch zu viele böse Worte verletzt worden. Es spricht ihnen niemand etwas Lebensbejahendes zu, was sie dringend bräuchten. Enttäuscht, ver-bittert, verletzt, ziehen sie sich zurück, kapseln sich ab, schützen sich, werden einsilbig, oder reden auch nur mehr Oberflächliches, hinter dem sie nicht selber stehen, oder beginnen erst nach einem Glas Bier oder Wein oder Schnaps zu sprechen.
Taub oder stumm können wir aber auch Gott gegenüber werden. Zahlreiche Stimmen dringen im Alltag auf uns ein. Sie sind oft so laut und zahlreich, daß wir die Stimme Got-tes, die nicht laut ist wie die Stimmen der Welt kaum mehr hören. Wir interessieren uns für alles Mögliche und nehmen es in uns auf über Zeitung, Radio, Fernsehen und andere Medien. Ist alles gut oder verschließt so manches und allzu viel die Ohren unseres Herzens für die feine und leise Stimme Gottes, die wir dankbar mit unserem Mund beantworten könnten? Und sprechen wir Menschen nicht allzu oft aneinander vorbei auch in der großen Welt? Wie viel Verschlossenheit gibt es unter uns Menschen überall auf der Welt?
In der ersten Lesung haben wir gehört, daß Gott ein Ende dieser Verschlossenheit verheißt: „Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen.“ Die Begegnung mit Jesus öffnet dem Taubstimmen die Ohren und den Mund.
Es ist gut, daß Jesus ihn aus der Menge herausnimmt. Diese Heilung soll kein öffentliches Spektakel werden. Jesus ist sehr feinfühlig. Jesus redet auch nicht auf den Taubstummen ein, schreit ihn nicht an, wie wir es vielleicht versucht sind. Er wählt stille Zeichen. Er legt den Finger in die Ohren des Mannes. Er ist behutsam, er berührt mit seinem Speichel die Zunge des Kranken, d.h. er nimmt von dem was er selbst hat und gibt es dem Kranken. Er heilt nicht aus der Distanz, er heilt durch seine herzliche Nähe und mit dem Blick zum Himmel. „Öffne dich!“ „Tu dich auf!“ Es ist das Wort der Liebe. Es berührt den Mann. Er nimmt auch das Materielle, Sinnenhafte in seine Wundertätigkeit auf.
Auf diese Weise möchte Jesus auch uns berühren, uns befreien von all unserer Verschlossenheit jedem Menschen gegenüber und auch Gott gegenüber. Er kann uns öffnen, wo wir uns aus eigener Kraft nicht öffnen können, wo wir uns schon längst zurückgezogen, abgekapselt haben, allzu sehr schützen.
Er will und kann alles, was ganz tief im Innersten verwundet ist immer mehr heilen, sodass wir vielleicht auch andere mit einem Wort der Liebe berühren können. Vielleicht ist uns dann beiden geholfen, vielleicht öffnen wir uns dann wieder beide mehr für Gott und die Menschen.
Text: "Heilung der Taubstummen" - downloaden




